Aufmerksamen Beobachtern des internationalen Epidemiegeschehens dürfte nicht entgangen sein, dass am 02. Mai 2026 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterrichtet wurde (und dies am 04. Mai 2026 verkündete), dass auf einem niederländischen Kreuzfahrschiff („MV Hondius“) ein Cluster einer ernsthaften und akuten respiratorischen Erkrankung entdeckt wurde, das auf die sog. Andes-Variante des von Nagetieren übertragbaren Hantavirus zurückgeführt wurde.[1]
Die WHO wurde über diesen Ausbruch von dem nationalen Zentrum zur Umsetzung der internationalen Gesundheitsregulationen des Königreiches Großbritannien und Nordirland informiert.[2] In dieser ersten Mitteilung wurde berichtet, dass auf dem Schiff 147 Personen (Passagiere und Crew-Mitglieder) situiert sind und bis zum 02. Mai 2026 sieben Fälle auftraten, von denen zwei mittels laborbestätigten Diagnosen und fünf aufgrund von Verdachtsmomenten als „Fälle“ beschrieben wurden.[3] Die neueste Mitteilung der WHO vom 13. Mai 2026 spricht von 11 Fällen und mittlerweile 3 letalen Ausgängen von Hantavirusinfektionen unter den Kreuzfahrtschiff-Passagieren, von denen ein niederländisches Ehepaar (69 und 70 Jahre) und eine deutsche Staatsangehörige (80 Jahre) betroffen sind.[4]
Die mittlerweile von Teneriffa (Spanien) aus in ihre Heimatländer überstellten Passagiere der MV Hondius werden dort entweder institutionell in Quarantäne genommen (insofern es sich um „High-Risk“ Patienten handelt) oder müssen – als „Low-Risk-Kontakte“ kategorisiert – sich selbständig isolieren und in Bezug auf Symptomatiken beobachten. Bei allen Kreuzschifffahrts-Teilnehmer:innen handelt es sich daher um „Verdachtsfälle“ (Low-Risk-Personen) oder und „wahrscheinliche Fälle“ (Hig-Risk-Personen), insofern bereits Symptomatiken aufgetreten sind. Im letzteren Fall muss noch nicht mal das Virus nachgewiesen worden sein, es genügt ein unspezifisches Krankheitssymptom, ähnlich einer beginnenden Grippe oder eines grippalen Infekts, und die Nähe zu einem sicher nachgewiesenen Fall. Die WHO und das European Center for Disease Control (ECDC) kategorisieren alle Personen (Passagiere und Crew) als solche, die einem bekannten Fall ausgesetzt waren.[5]
Die bis jetzt bekannt gewordenen Reaktionen in den Medien und Presseverlautbarungen von Public Health-Expert:innen sind zurückhaltend, warnen vor Panik und sehen nur ein minimales Pandemierisiko.[6] Die Einschätzungen im Hinblick auf die Übertragbarkeit des Virus sind allerdings – wieder einmal – unterschiedlich. Während ein Experte des ECDC in einer Pressekonferenz vom 13.05.2026 explizit darauf verweist, dass die Übertragung des Hantavirus von Tier zu Mensch erfolgt (was, gesetzt den Fall, das stimmt, auf unzureichende hygienische Verhältnisse auf der MV Hondius hinweisen könnte)[7], erwähnt der besagte NYTimes-Beitrag von Apoorva Mandavilli, dass Evidenz vorliege, dass insbesondere die Geschichte der Andes-Variante des Hantavirus auf die Möglichkeit von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen, und zwar nicht nur in unmittelbarer Nähe, sondern in einem Raum hinweist.[8] Die Einschätzung des ECDC-Experten steht daher im merkwürdigen Kontrast zu den Angaben der WHO, die in ihren Seuchenmanagement-Hinweise zwar nicht so weit geht wie der besagte NYTimes-Beitrag, einen „airborne“-Fall im Hantavirus-Outbreak zu erkennen[9], aber eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung im dichten Kontakt auch nicht ausschließt, und auch den Informationen der ECDC selbst.[10]
Um was handelt es sich eigentlich bei der Erkrankung, die das Hantavirus herovorruft? Abhängig vom Ausbruch von Symptomen, die – wie bei allen Infektionserkrankungen – von der mutmaßlichen Virenlast und der Immunkompetenz des Wirts bestimmt werden, können gemäß den Informationen der WHO zwei Formen von Erkrankungen bzw. Syndromen unterschieden werden, die im Kern jedoch die Atemwege affizieren. Während ein Syndrom ausschließlich das Lungensystem angreift (HPS, Hantavirus Pulmonary Syndrome), schwächt und attackiert das HCPS (Hantavirus Coronarpulmonary Syndrom) darüber hinaus auch noch das Herzkreislaufsystem. Die Verbreitung des Hantavirus über die Welt ist vielgestaltig und greift in seiner asiatischen Weise auch die Nieren an (HFRS, Haemorrharig Fever with Renal Syndrome). Die Prävalenz ist insgesamt gering und erreichte in der europäischen WHO-Region im Jahr 2023 0,4 pro 100.000, d.h. 0,0004 Prozent. Die allgemeine Sterblichkeit von Hantavirus verursachten Erkrankungen wird mit einer Case Fatility Ratio (CFR) von 1-15 Prozent in Asien und bis zu 50 Prozent der entdeckten Fälle (CFR) in Lateinamerika angegeben. In Südamerika, Asien (besonders China und Korea), aber auch in einigen Regionen Nordeuropas gilt das Hantavirus als „endemisch“, also regelmäßig in der Nagetierpopulation – und damit auch bei Menschen in geringer Zahl regelmäßig – vorkommend. [11] Sichere Prävalenzdaten über die Bedeutung von Hantavirusinfektionen bei Menschen in der WHO-Region Amerika gibt es nicht.
Hat also der Hantavirus 2026 auf dem Kreuzfahrtschiff MS Hondius das Potenzial zu einer Covid-19-Pandemie 2.0 zu werden? Auf den ersten Blick: nein. Weder ist das Hantavirus eine übliche Quelle, wie sich Atemwegserkrankungen um die Welt ausdehnen. Dazu ist seine Übertragbarkeit bislang viel zu begrenzt und setzt entweder einen Kontakt mit Ausscheidungen von Nagetieren oder – sekundär – einen sehr engen Kontakt mit bereits menschlichen Wirten und Infizierten voraus. Beides ist auf der MV Hondius möglich, auch wenn die bis zu 48 Tage mögliche Inkubationszeit eine Infektion der „Fälle“ auf dem Kreuzfahrtsschiff vor dem Antritt der Reise sehr wahrscheinlich macht. Dass man darüber nichts weiß, wann und wo sich die Index-Patienten (das niederländische Ehepaar) infiziert haben könnten, macht ein wenig stutzig.
In einem Outbreak-Szenario wäre die Feststellung und Analyse der Indexpatienten – neben der Eindämmung der Infektionen und der damit zusammenhängenden Erkrankungen – die erste Aufgabe der zuständigen Public Health Behörde. Doch wer ist auf einem Kreuzfahrtsschiff, das sich in internationalen Gewässern aufhält, dafür zuständig? Offenbar die Public Health Expert:innen des britischen Königreiches, denn diese haben die WHO ja darüber informiert. Doch wie kann das gelaufen sein? Immerhin waren es ja niederländische Staatsbürger, die an den Folgen der Virusinfektion verstorben sind.
Zudem: wie bekommt man auf einem Schiff überhaupt eine entsprechende Diagnose gestellt? Letztlich über den Schiffsarzt, der einen Abstrich (PCR) oder eine serologische Untersuchung, die man nicht auf dem Schiff durchführen kann, veranlasst. Dazu muss es aber einen Grund geben. Dieser wurde geliefert. Laut WHO Outbreak News vom 04. Mai 2026 wurde an einem klinisch aufgenommenen Patienten in Südafrika (einer Deutschen) serologisch das Andes-Virus festgestellt.[12] Sie ist aber nicht die Index-Patientin gewesen und verstarb als dritte Passagieren der MS Hondius nach dem niederländischen Ehepaar. Zur Erinnerung: während das niederländische Ehepaar 69 bzw. 70 Jahre alt war, verstarb die Deutsche in Südafrika laut New York Times im Alter von 80 Jahren.
Schließlich die Schlüsselfrage nach der Übertragbarkeit (d.h. Infektiosität) des Andes-Virus. Ist das der „Game Changer“? Wenn überhaupt eine Gefahr besteht, dass sich die Andes-Variante des Hantavirus pandemisch ausbreiten kann, liegt zweifellos hier der Kern der Problematik. Ein Hinweis auf dessen seuchenpolitische Bedeutung besteht allein darin, dass der Ausbruch auf der WHO-Emergency-Website mit einer notfallmäßigen „Multi-Country“-Betroffenheit kategorisiert ist.[13] Wenn es sich herausstellen sollte, dass die sich auf Quellen und Studien berufende Vermutung und Spekulation der NYTimes-Journalistin Apoorva Mandavilli zutrifft, dass die Übertragbarkeit des Hantavirus (der Andes-Variante) sich nicht auf direkten Nager- und/oder dichten Infiziertenkontakt reduzieren lässt, sondern „airborne“ ist, dann dürfte dem derzeitig praktizierten Seucheneindämmungsmanagement schnell die Effektivität genommen sein und sich das Virus schneller ausbreiten als bislang von Public Health Organen vermutet wird. Ein globaler Gesundheitsnotstand dürfte dann nur noch eine Frage der Zeit sein.[14]
Andererseits würde die raschere Ausbreitung vermutlich bedeuten (wie bei Sars-CoV-2 im Übrigen), dass sich die CFR reduzieren wird, denn es könnte heißen, dass es nicht nur asymptomatische Überträger und Superspreader gibt, von denen Mandavilli berichtet, sondern eben auch infizierte Menschen, die aufgrund ausbleibender Symptomatiken ungetestet und damit (zunächst) unentdeckt bleiben. Die letztendlich bedeutsamere Infection Fatility Rate (IFR), die auch solche zunächst unentdeckten Infizierte berücksichtigt und die bislang in der CFR nicht notwendigerweise enthalten sein müssen, wäre also bedeutend niedriger als die zu Beginn eines Outbreak-Geschehens sehr hoch erscheinende CFR. Denn erst durch Todesfälle wird genauer hingeschaut. Man kennt diese dialektische Dynamik von Sars-CoV-2 bzw. Covid-19.
Es gibt also sowohl Gründe für leichte Sorgen und eine skeptische Betrachtung der beruhigenden Versicherungen der Public Health-Behörden, dass keine Panik nötig sei, als auch Aspekte, die trotz der (möglichen!) schnelleren Ausbreitung des Hantavirus Entwarnung signalisieren können. Dazu gehört die Überschätzung der Sterblichkeit, aber auch die mikrobiologische Stabilität des Andes-Virus, das sich offenbar über Anpassung an den Wirt nicht schneller ausbreiten möchte (was aber in der Regel auch bedeuten würde, dass es weniger letal werden würde). Aufgrund der in Ansätzen unklaren epidemiologischen Lage bleibt es daher wichtig, dass nicht ökonomische und/oder politische Interessengruppen auf dieses epidemiologische Ereignis aufspringen und es für ihre Motive und Zielsetzungen ausnutzen wollen. Wie im „Krieg gegen Covid-19“ (Emmanuel Macron) sollte bewusst bleiben, dass im Gefecht das erste Opfer die Wahrheit ist. Bleiben wir also wachsam, ohne in Fatalismus oder Panik zu verfallen.
[1] https://www.who.int/emergencies/disease-outbreak-news/item/2026-DON599
[2] Ebd.; es handelt sich präzise um den „National International Health Regulations (2005) (IHR) Focal Point of the United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland“ (ebd.).
[3] Die WHO hat am 08. Mai 2026 ein Template zur Umsetzung des Seuchenmanagements in Bezug auf Fälle von der MV Hondius vorgelegt, der Definitionen von Verdachtsfällen, wahrscheinlichen Fällen und bestätigten bzw. nicht-bestätigten Fällen umfasst, WHO 2026, „Management of contacts of Andes virus (ANDV) cases from the MV Hondius cruise ship, 08 May 2026, https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/situation-reports/who-interim-guidance_management-of-contacts-of-andes-virus-(andv)-cases-from-the-mv-hondius-cruise-ship.pdf?sfvrsn=30aefc8e_3&download=true .
[4] Das Alter der verstorbenen Passagiere wurde in einem Beitrag der NYTimes-Wissenschaftsjournalistin Apoorva Mandavilli genannt, https://www.who.int/emergencies/disease-outbreak-news/item/2026-DON599. Auf der ECDC-Webiste ist mit Datum von heute (15.05.26) immer noch nur von 8 bestätigten und 2 wahrscheinlichen Fällen die Rede.
[5] WHO 2026: passim; ECDC 2026, Rapid Scientific Advice on the management of passengers, May 09 2026, https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/andes-hantavirus-rapid-scientific-advice-management-passengers.pdf
[6] https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/ecdc-press-conference-13-may-andes-hantavirus-outbreak
[7] https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/ecdc-press-conference-13-may-andes-hantavirus-outbreak, Zeitpunkt: 18:50 min im Video.
[8] https://www.nytimes.com/2026/05/14/health/hantavirus-spread-risk.html?smid=nytcore-ios-share
[9] In dem Video zu dem NYTimes-Beitrag nennt die Wissenschaftsjournalistin Mandavilli sogar bereits einen R0-Wert des Hantavirus-Ausbruchs von 2,2 und setzt den in den Kontext des anfänglichen R0-Wertes des Sars-CoV-2-Virus von 3 (https://www.nytimes.com/video/health/100000010896688/how-worried-should-we-be-about-hantavirus.html?smid=url-share). Obwohl sie daher von Panik abrät, ist der Unterschied von 2,2 und 3 allerdings lediglich 0,8 von 2,2 also etwa 30 Prozent. Reflektiert man die langsam (!) steigenden Fälle aufgrund einer möglichen langen Inkubationszeit könnte der R0-Wert tatsächlich höher liegen. Irritierend ist in dem Video, dass sie mit einem nicht ganz zu ergründenden und eigentlicn unangemessenen Lächeln einerseits vor Panik warnt, andererseits aber suggeriert, dass die Public Health-Expert:innen nicht die ganze Wahrheit sagen.
[10] WHO 2026: 1f. Irritierenderweise ist dieser Gedanke auch im „Rapid Scientific Advice“ des ECDC enthalten, dem damit der ECDC-Virologe in der Pressekonferenz (https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/ecdc-press-conference-13-may-andes-hantavirus-outbreak , Zeit: 18:50 min) direkt widerspricht.
[11] https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/hantavirus; merkwürdigerweise ist im WHO Risk Assessment vom 04. Mai zu lesen, dass im Jahr 2025 die CFR der aufgetretenen Fälle in der WHO-Region des amerikanischen Kontinents, der Süd-, Mittl- und Nordamerika umfasst, 25,7 Prozent erreicht, also etwa die „Hälfte“ der in den „Fakten“ genannten maximalen 50 Prozent.
[12] https://www.who.int/emergencies/disease-outbreak-news/item/2026-DON599
[13] https://www.who.int/emergencies/disease-outbreak-news
[14] https://www.nytimes.com/2026/05/14/health/hantavirus-spread-risk.html?smid=nytcore-ios-share