Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht der oben genannte Mythos bzw. die Ideologie bedient wird, dass das deutsche Gesundheitswesen „nicht liefert“: zu teuer und dann noch nicht wirksam! Diejenigen, zu denen gern auch (Fach-?)Politiker:innen und ihre Leidensgenoss:innen der schreibenden Zunft, also: (Fach-?)Journalist:innen gehören, die diesem Mantra, diesem Mythos oder dieser Ideologie anhängen, zeigen damit zwar ihre Diskursfähigkeit, aber nicht unbedingt ihre wissenschaftliche Fähigkeit, das Gesundheitswesen bzw. Gesundheitspolitik zu verstehen.
Erstens: es gibt keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Höhe der durchschnittlichen Lebenserwartung und der Höhe der Ausgaben für Krankenversorgung (in der Regel die Hauptlast der kollektiven Absicherung gegen Krankheiten und Verletzungen). Gerade wenn ein Land viel ökonomisches (und kulturell-gesundheitliches) Kapital für die Finanzierung von Gesundheitsdienstleistungen und -güter ausgibt, kann das ein Ausdruck sein für eine hohe Morbiditätslast. Weil die Krankenversorgung eben für die Behandlung von Krankheiten Kapital einsetzt, bleiben die biopsychosozialen Determinanten von Krankheiten davon weitgehend unberührt.
Zweitens: die Ausgaben von „reichen“ Ländern für Gesundheitsausgaben liegen deutlich höher als von „armen“ (früher: Entwicklungsländern), weil die privaten Haushalte entweder aus der privaten Tasche mehr Geld aufbringen für „ihre“ Gesundheit oder aber öffentliche Haushalte sich an den (zurecht) gestiegenen Ansprüchen von allen Haushalten hinsichtlich einer guten Gesundheits- und Krankenversorgung orientieren. Die Ausgaben – gemessen am BIP des jeweiligen Landes – müssen allein deswegen steigen, weil die privaten und kollektiv finanzierten Gesundheitsdienstleistungen weniger rationalisierungsaffin sind als technologisch determinierte High-Tech-Kapitalkonsumgüter wie Arzneimittelherstellung Autos, Computer etc. Der US-amerikanische Ökonom William Baumol hat dies einmal zurecht als „Cost-Disease“ bezeichnet – ein Element elementarer „Kostensteigerungen“ im Gesundheitswesen, d.h. der Verwendung des BIP für den Konsum der Bürger:innen.
Drittens: Wenn vom „deutschen Gesundheitswesen“ gesprochen und dann noch gern schnell ein paar Zahlen genannt werden, wird zumeist vergessen, was eigentlich mit den Zahlen ausgedrückt wird. So behauptet etwa Christian Schwager in der Berliner Zeitung vom 11.07.2026 in der Nachbetrachtung der Verabschiedung des jüngsten GKV-Spargesetzes: „Deutschland leistet sich das teuerste Gesundheitswesen Europas und eines der teuersten der Welt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Die Ausgaben betragen 1,5 Milliarden Euro – am Tag. Sie waren im ersten Quartal dieses Jahres doppelt so hoch wie die Einnahmen.“ (BZ, 11.07.26)
In der Folge des Beitrags geht Einiges durcheinander.
- Zum einen beinhaltet die sog. Gesundheitsquote (Anteil der „Gesundheitsausgaben“ nach Abgrenzung des Statistischen Bundesamtes) nicht nur die GKV; aber um die geht es mit dem „Spargesetz“; sondern alle Ausgaben für Gesundheitsleistungen in Deutschland sind damit erfasst! Egal, ob von der GKV, der PKV, der Pflegeversicherung, dem Staat (für Beamten) oder aus der privaten Börse bezahlt, alles das fließt in die „Gesundheitsquote“ ein. Insofern sagt diese Größe gar nichts über Sparnotwendigkeiten in der GKV aus und offenbart journalistische Begriffsstutzigkeit oder Verblödungs-News.
- Zum anderen: wie zudem der (Fach-?)Journalist zu der These kommt, dass täglich 1,5 Milliarden Euro ausgegeben werden – und im Kontext von der GKV, so die Suggestion – wird nicht nur nicht erläutert, sondern ist zutiefst (a) ungenau oder (b) demagogisch, oder (c) beides. Teilt man die Daten des Statistischen Bundesamtes zu den jährlichen Gesundheitsausgaben im Jahr 2024, 538 Mrd. Euro, durch die Anzahl der Tage (365), kommt ziemlich genau die 1,5 Milliarden-Größe (eigene Kalkulation: 1,47 Milliarden Euro pro Tag im Jahr) heraus. Das sind aber alle Gesundheitsausgaben in Deutschland, nicht nur die der GKV! Der entsprechende Anteil aller Gesundheitsausgaben entspricht 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das sind aber nicht nur „Kosten“, sondern auch „Einnahmen“ – vulgo: „Wertschöpfung“. Nur (makro-)ökonomisch Minderbemittelte können daraus ein universelles „Kostenproblem“ machen.
- Schließlich: der Anteil der GKV, um die es doch bei dem (begriffslos) kritisierten „Sparpaket“ (BZ, 11.7.26) geht, an den gesamten 538 Mrd. Euro Gesundheitsausgaben im deutschen Gesundheitswesen beträgt (nahezu) kontinuierlich stabile: 55,8 Prozent (2024), nominal: 300,8 Mrd. Euro. Der Anteil der GKV (ohne Zuzahlungen) an allen Gesundheitsausgaben liegt damit sogar noch unter den Anteilen an den gesamten Ausgaben im Jahr 2009: (Gesamt: 280,4 Mrd. Euro, GKV: 165,1 Mrd. Euro, entspricht: 58,9 Prozent).
- Dennoch: der Anteil der GKV am Bruttoinlandsprodukt war im Jahr 2009: (BIP = 2,493 Billionen Euro ) mit 6,5% Prozent im Vergleich zum letzten statistisch erfassten Jahr (hier ist die Excel-Datei des Statistischen Bundesamtes hinterlegt; 2024; BIP: 4,328 Billionen Euro) mit 6,95 Prozent etwas geringer. Dies liegt aber vor allem am deutlich geringeren BIP-Wachstum der letzten zehn Jahre und hinter uns liegende nahezu 7-8 Jahre Stagnation und zeitweise starker inflationärer Entwicklung (=Stagflation!).
- Die Ausgaben in der GKV sind nominell gestiegen. Dies ist in einer alternden Gesellschaft mit zunehmend kommerzialisierter Gesundheitsindustrie allerdings zu erwarten und auch ein Ergebnis des „Inflationsausgleichs“ der letzten Jahre. Hier müssen genauere Analysen ansetzen, als stupide „Kostenexplosions“-Szenarien an die Wand zu werfen, die schon früher keine sinnvollen Interpretationen waren.
Die Schlussfolgerung bleibt damit eindeutig. Die GKV hat kein Ausgabenproblem, sondern vor allem ein strukturelles Einnahmeproblem, zu dem der Staat zunächst mit seiner fiskalischen Austerität und dann dem Refinanzierungsproblem bei den ausufernden Militärkosten und seiner prozyklischen Außenwirtschafts- und -sicherheitspolitik in der letzten Dekade beigetragen hat. Diese „Finanzierungsrisiken“ (für wen eigentlich?) über die Ausdünnung solidarischer Versicherungsausgaben „gegenfinanziert“ werden sollen.
Die Folgen des strukturellen Einnahmeproblems und der säkular steigenden Gesundheitsausgaben sind steigende Beitragssätze, die bei wegbrechenden Exportmärkten und staatlichem Militärkeynesianismus nicht länger haltbar erscheinen. Dass manche Arbeitnehmer lieber mehr „Netto vom Brutto“ haben wollen, ist verständlich, wenn selbst (Fach-?)Journalist:innen den Unterschied zwischen betrieblichem Kostenkalkül und makroökonomischen Rationalitätsfallen nicht begreifen können.
Dass Beschäftigte sich „mehr Netto vom Brutto“ holen können, indem sie höhere Löhne und Gehälter zu Lasten der Unternehmensgewinne, die nicht übermäßig in Investitionen, sondern eher in Finanzspekulationen, fließen, erstreiken können, ist im Zeitalter des Globalisierung zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Die Abschaffung der PKV und die Transformation der GKV in eine staatlich garantierte Bürger:innenversicherung wäre ein erster richtiger Schritt auf dem Feld der Krankenversicherung. Weitere müssten folgen.
Ohne etwaige Effizienzreserven zu leugnen: ein Kostenproblem in der GKV sieht anders aus. In jedem Fall ist eine erneute Runde der Leistungsprivatisierung unverantwortlich! Dass die Politik die GKV-Einnahmen erhöhen will, indem freiwillig Versicherte und Alleinverdiener-Haushalte stärker belastet werden, ist solange die PKV besteht bestenfalls ein Tropfen auf den „heißen Stein“, schlimmstenfalls ein staatliches Förderprogramm für die PKV. Wieso jetzt noch in der GKV bleiben? Damit ist jedoch die nächste Finanzierungskrise vorprogrammiert. Deutschland sollte sich eine private Vollkostenversicherung nicht mehr leisten dürfen!
Insgesamt gilt: Der Militarismus und das erwartbare Ende des „Modell Deutschland“ nach dem Wegbrechen billigen russischen Öls frisst das Gesundheitsbudget auf, nicht anders herum. Politikversagen ist folglich die einzig zutreffende Diagnose. Wer die GKV retten will, muss ganzheitlich denken und die politischen und wirtschaftlichen Strukturen des „Modell Deutschland“ runderneuern. Ansonsten steht das nächste Kostendämpfungsgesetz recht bald wieder vor der Tür!