Februar 25, 2021

Wuhan als Ursprung von Covid-19? Unfall oder China-Bashing? Möglicherweise beides. Ein Kommentar.

Die jüngsten Veröffentlichungen eines deutschen Nanowissenschaftlers, der die international verfügbare, durchaus schmale, Evidenz zusammengetragen hat, dass die Covid-19-Pandemie aus einem möglichen Unfall in dem international bekannten  und gut vernetzten virologischen Bioforschungs-Institut in Wuhan entstanden sein könnte, polarisieren die (links-)liberale Öffentlichkeit, wenn sie nicht dazu schweigt – wieder einmal, nicht zuletzt wohl, weil in der „Blöd-Zeitung“ (Manfred Krug) veröffentlicht. (Rechts-)Konservative Kreise können dagegen in ihrer China-Verachtung schwelgen.

In (links-)liberalen politischen Kreisen wird diese Unfall-Hypothese in das Reich der (paranoiden) Verschwörungstheorien befördert. Eine Indizienaussage (keine Beweise, das gesteht der Wissenschaftler gern zu), die so offensichtlich die Volksrepublik China an den Pranger zu stellen scheint, betreibt das Geschäft der aggressiven US-Außenpolitik, China einzukreisen, so denken viele wohl klammheimlich. Ein Blick in die zusammengetragenen Indizien würde sie vielleicht in ihrer Gewissheit erschüttern. China ist da in guter Gesellschaft.

Diese fetischisierte Denkbewegung ist aber ein grundlegendes (Erkenntnis-)Problem und für eine links-progressive Politik nicht hilfreich. In politisch angespannten Zeiten, in denen sich geopolitische Situationen aufzuschaukeln drohen, wird jede Aussage, die im Interesse des politischen Gegners zu liegen scheint, als verschwörungstheoretisch oder konterrevolutionär abgelehnt. Wir leben in solchen. Doch das – nennen wir es ruhig so – (links-)liberale Lagerdenken (vom rechtskonservativen sei hier mal abgesehen) hilft hier nicht weiter.

Es gibt keinen logischen Grund, weshalb hier im konkreten Fall nicht beide Aussagen richtig sein können. Es ist zwar tatsächlich zu beobachten, dass die USA und der „globale Westen“ in der Fortsetzung nicht nur der US-amerikanischen Politik unter Barack Obama, sondern auch unter Donald Trump den relativen Niedergang der US-amerikanischen Hegemonie mit einer zunehmend aggressiven Politik gegenüber China aufzuhalten versuchen (gegenüber Russland im Übrigen nicht weniger). Einer aufmerksamen Leserin führender internationaler Zeitungen und Magazine in den letzten 10 Jahren dürfte das nicht entgangen sein.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es – nur weil es den säbelrasselnden Kriegern im globalen Westen passt – nicht möglich ist, dass die Corona-Pandemie eine Folge eines Unglücks in der chinesischen Bioforschungsanlage ist, die – nebenbei erwähnt – nachweislich übrigens mit dem US-amerikanischen Militär und französischen Instituten kooperierte. Ein solcher Unfall ist nicht nur möglich, sondern er wäre auch historisch keineswegs einzigartig. Es lassen sich zahlreiche, auch in westlichen Ländern vorzufindende, ähnliche High-Tech-Unfälle und Katastrophen aufzählen: Marburg-Virus, Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima, um nur einige zu nennen.

In allen diesen historischen Beispielen haben staatliche Stellen bzw. Aufsichtsbehörden versucht, das Ereignis zunächst herunterzuspielen oder zu vertuschen; möglicherweise gar nicht wegen purer oder strategischer Böswilligkeit, sondern vermutlich zumindest teilweise auch wegen einer gewissen Ungläubigkeit, die auch einem Krebskranken zunächst daran hindert, die potentiell tödliche Erkrankung zu akzeptieren. Die Hybris des Kontrollwahns hat bei allen Unfällen zu einer Unterschätzung des Risikos geführt. Schwarze Schwäne überall. Und dass der chinesische Staatskapitalismus diese Möglichkeiten hat, werden doch auch skeptische (Links-)Liberale hoffentlich nicht in Abrede stellen.

Ein solcher Vorwurf übergeht auch die Kritik des – je nach Betrachtung – mutigen oder naiven (weil seine Reputation erheblich schädigenden) Hamburger Wissenschaftlers an der sog. Gain-Functioning-Forschung, die in Wuhan nachweislich betrieben wurde – offenbar nicht nur von chinesischen Stellen. Bei dieser hochriskanten „Grundlagenforschung“ wird z.B. das Genmaterial von Viren manipuliert, um deren „Funktionsfähigkeit“ zu erweitern – etwa um zu klären, welcher molekulargenetischer Veränderungen es bedarf, damit sie bei Menschen besser „andocken“ können. Dabei ist die Gain-Functioning-Forschung nicht nur in Europa, sondern auch in den USA seit einiger Zeit mit gutem Recht verboten, weil diese (zumeist für präventive Zwecke begründete) Sinnhaftigkeit der Forschung als zu riskant betrachtet wird. Lag hier ein möglicher „Standortvorteil“ des Forschungslabors in Wuhan? Solche Fragen liegen trotz aller schmalen Evidenz auf der Hand.

Richtig ist natürlich, dass die logische Möglichkeit noch keineswegs bedeutet, dass es sich wirklich so ereignet hat. Hier muss klar differenziert werden. Aber es ist schon sehr merkwürdig, dass die WHO-Fact-Finding-Mission mit so leeren Händen zurückgekommen ist und auf welche Weise die chinesischen Autoritäten offenbar nicht bereit waren, mutmaßlich brisante Informationen herauszugeben – von der zweifelhaften Teilnahme eines US-amerikanischen Wissenschaftlers mit offensichtlichen Interessenkonflikten im Rahmen dieser Mission und der Sinnlosigkeit der Veranstaltung ein volles Jahr nach dem „Outbreak“ mal ganz zu schweigen.

Diese geringe Offenheit kann natürlich darin begründet liegen, dass der chinesische Staat fürchtet, dem globalen Westen hierdurch eine unnötige Angriffsfläche zu bieten. Geopolitisch hat er wohl allen Grund dafür. Innenpolitisch – sollte an den Verdächtigungen irgendetwas dran sein – sicherlich auch. Tschernobyl war 1986, ganze fünf Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion! Dummerweise bleibt bei dieser geopolitischen Gemengelage jedoch die Wahrheit auf der Strecke. Das Desinformationspotenzial erinnert irgendwie und fatal an den letzten Kalten Krieg.

Und eines ist gewiss: die zusammengetragenen Indizien, mehr ist es nicht, was der Wissenschaftler selbst zugesteht, machen einen schon recht nachdenklich. Dabei sind in ihnen keine Informationen vorhanden, die aufmerksame Beobachter und Beobachterinnen nicht schon im letzten Jahr selbst hätten sammeln können. Klärende Fragen an die WHO wurden – sieht man mal von einem kleinen und weitgehend unbekannten internationalen Netzwerk „besorgter Wissenschaftler“ ab („DRASTIC“), die der Hamburger Nano-Wissenschaftler im hinteren Teil seiner „Studie“ präsentiert – nicht gestellt, geschweige denn beantwortet worden. Schweigen ist keine gute Politik.

Insofern reicht es leider nicht aus, wenn (links-)liberale Bedenkenträger bei aller berechtigten Skepsis gegenüber der Medienstrategie der „Blöd-Zeitung“ meinen, mit ihrem Lagerdenken der Wahrheit nahezukommen oder besser gesagt: der Suche nach ihr auszuweichen. Hiermit machen sie sich es leider entschieden zu einfach. Kritik der Genmanipulation war mal ein heißes Thema…lang ist’s her. Willkommen im Biokapitalismus.

Kai Mosebach, 21.02.21

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.