März 20, 2020

In eigener Sache: Shitstorm um Dr. Wolfgang Wodarg

Vorbemerkung: dieser Beitrag ist kein analytischer, sondern eine verlängerte und mit Verweisen versehene Version eines Kommentars auf dem unten genannten science.blog von Prof. Dr. Stefan Rahmstorf zum Casus Wodarg. Obwohl ich Wolfgang Wodarg in seinem Recht auf freie Meinungsäußerung unterstütze und den Duktus der Kritik von Hr. Rahmstorf eines Professors unwürdig erachte, weiß ich nicht, ob Hr. Wodarg recht hat. Neue Entwicklungen (s.u.) scheinen ihn jedoch mit eigenen Mitteln zu widerlegen. Wie gefährlich Covid-19 ist und welche Argumente hierfür genutzt werden, erörtere ich anderswo.

Das Video von Hr. Wodarg hat geradezu einen Shitstorm entfacht. Selbst ausgewiesene Klimaforscher meinen jetzt, auf ihn einprügeln zu müssen, mit Argumenten, die Stammtischniveau erreichen. Ich habe in dem Wissenschaftsblog von Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, einem ausgewiesenen Klimaforscher, einen sehr kritischen Kommentar gegen dessen m.E. persönlichkeitsverletzenden Kommentare gegen Wolfgang Wodargs Thesen gepostet. Mal schauen, ob Sie ihn veröffentlichen. Gut tut, dass wenigstens einige in dem losgetretenen Sturm in der folgenden Kommentarliste des Rahmstorf-Blogs die Kernargumente von Wodarg im Auge halten. Zwar ist das Niveau auf dem science.blog relativ hoch, nicht zu vergleichen mit Shitstorms auf spiegel.de oder bild.de, aber ich finde es dennoch skandalös, dass Wissenschaftler mit hoher Reputation und hohem sozialen Kapital sich zu Ideologen von staatlichen Entscheidungen machen, deren Begründetheit sie wegen ihres mangelnden Fachwissens überhaupt nicht beurteilen können. Ich fürchte mich vor der kommenden Wirtschafts- und Finanzkrise, wenn man jetzt schon das Gefühl hat, wer sich gegen Mainstream-Meinungen stellt und versucht sachlich zu bleiben, gewissermaßen an den virtuellen Pranger gestellt wird. Umso wichtiger ist es, die Argumente von Wolfang Wodarg genau zu würdigen. Dies fällt mir nicht leicht – nicht weil ich Hr. Wodarg sympathisch finde, was ich tue, aber das tut nichts zur Sache, sondern weil ich als Gesundheitswissenschaftler im Bereich Virenepidemiologie zwar über Grundkenntnisse verfüge, jedoch an meine Grenzen komme. Sei’s drum, im Moment gibt es eben die Notwendigkeit, seine Horizonte zu erweitern.

Zunächst sagt Wodarg weder, dass das Corona-Virus “ungefährlich” ist, wie der renommierte Klimaforscher, Dr. Stefan Rahmstorf auf seinem Klimablog behauptet, ganz im Gegenteil rät er älteren Menschen (die besonders gefährdet sind von der „Grippe“) mit Vorerkrankungen “social distancing” (er nennt es so nur nicht). Noch ist er “nur” Arzt, sondern hat auch an der Johns Hopkins University studiert (das ist die, die für die WHO die Dashboards kreiert…). Er ist Epidemiologe; und – Entschuldigung – dass er mal einem Hochstapler aufgesessen ist, sagt nun wirklich nichts über seine epidemiologischen Kenntnisse (wie ein Kommentator der Liste unterstellt), sondern vielleicht über seine persönliche Gutgläubigkeit aus. Zudem hat er die Panik bei der Schweinegrippe – völlig zurecht übrigens – kritisiert. Die war 2009 in Mexiko ausgebrochen und hatte sehr viele Fälle kreiert, die im Nachhinein sich als falsch-positive entpuppt hatten, weil der Schnelltest zwar H1N1-Viren entdeckt hatte, leider aber die falsche Variante. Er war da als Ausschussvorsitzender im Europarat auch tätig und hat einen Untersuchungsausschuss hierzu eingerichtet. Dies unterschlägt der gute Hr. Rahmstorf völlig. Seine geheimdiensttaugliche Strategie, die Person Wolfgang Wodarg zu entmenschlichen, ihn als unverzeilichen Corona-Leugner bloß zu stellen, fällt in sich zusammen. Die Denunziatoren scheinen unter uns zu sein.

Eine weitere – wesentlich differenziertere – Kritik an Wogard publizierte der telepolis-Autor, Alexander Unzicker, seines Zeichens Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Nachdem er sich bereits für einen ersten, sehr unflätigen Kommentar zu Wolfgang Wogards Thesen entschuldigt hat, den er kritisiert, die von diesem unterstellen massenhaften falsch-positiven Fälle der Tests würden die Situation übertreiben:

„Befeuert wird die irrationale Coronaparty im Land durch ehemalige Experten wie Dr. Wodarg, der die Welt durch seine Brille ‚Böse Pharma versucht WHO-Impfstoff zu verkaufen‘ sieht. Faktenresistent behauptet er 10 Prozent falsch-positive Resultate, in krassem Widerspruch zu den 250.000 südkoreanischen oder 80.000 russischen Tests, (bei 59 Fällen, d.h. weniger als ein Promille überhaupt positiven). Wodargs Erfahrung mit Big Pharma mag zutreffend sein, aber sie auf die jetzige Situation zu verallgemeinern, ist nichts weniger als schizophren.“ (Unzicker 2020a)

Immerhin setzt er sich in seinem zweiten Beitrag im Gegensatz zu dem unsäglichen Hr. Rahmstorf mit den Argumenten von Hr. Wodarg auseinander. Ein Gegenargument auf den Vorwurf, dass das angewandte Testverfahren nicht das testet, was es testen soll, ist Folgendes:

„Wodarg kritisiert zunächst den PCR-Test der Berliner Charité als ’nicht validierten Inhouse‘-Test. Das mag sein, und ganz sicher ist es wünschenswert, dass noch andere, unabhängige Tests angewendet werden. Die weltweiten Diagnosezahlen zeigen aber, dass der Test gut funktioniert, das heißt, dass er tatsächlich das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 identifiziert.“ (Unzicker 2020b).

Sind die PCR-Tests so sicher? Es bleibt trotzt WHO-Empfehlung unklar (auch bei Wodargs Beitrag), welche Tests in welchem Land angewandt werden, um Covid-19 festzustellen. Wodarg gibt in dem Interview zu, dass er nicht weiß, welche Unternehmen dort unterwegs sind. Selbst in der von mir analysierten Pionierstudie (Huang et al. 2020) scheint der dort angewandte RT-PCR-Test höchst anfällig für Fehler zu sein. Wird dieser auch in Deutschland angewandt? Gibt es einen sicheren serologischen Befund? Oder muss auf (gentechnologische) PCR-Tests zurückgegriffen werden? Unzicker gibt an, woher er die Evidenz nimmt, dass PCR-Tests angewandt werden: hier. Auf dieser Website (ourworldindata.org) wird hingewiesen, dass PCR-Tests angewandt werden, um Covid-19 zu bestätigen. Verwiesen wird auf dieser Website auf ein dort eingebettetes WHO-Dokument zur Anleitung der Messung von Covid-19 Proben. Eine Analyse des Identifizierungsprozesses von Covid-19 wird an anderer Stelle vorgenommen und kann daher hier nicht beantwortet werden.

Ein weiteres Argument von Unzicker ist, dass der Fall Italien zeige, dass die Menschen dort den Pflegekräften und Ärzten unter den Händen wegsterben – er zitiert mehrere Kontakte in dieses Land. Seine Argumentation ist dennoch relativ undifferenziert, denn (i) wird nicht reflektiert, dass in Italien eine massive Mangelsituation an Intensivbetten herrscht und (ii) bleibt unklar, welche Patient*innen „wegsterben“. So schlimm diese Einzelfälle sind, gerade auch in der Masse, die schlichte Beschreibung dieser individuellen und interaktiven Erfahrungen der schlimmen Situation in Italien bleiben analytisch unfruchtbar. Hier ist eine aggregierte Analyse nötig. Das Problem in Italien hätte auch auftreten können bei einer starken Influenza-Saison. Ist es das in vergangener Zeit schon? Ich habe hier keine Antwort. Nachforschen wäre sinnvoll.

Um noch einmal zu Hr. Rahmstorf zurückzukehren: um nicht missverstanden zu werden: die Würdigung der Person Wodarg bedeutet nicht, dass seine Thesen richtig sind. Aber der ausgewiesene Klimaforscher geht mit den Hypothesen von Hr. Wodarg genauso um, wie mit seiner Person. Wie bereits andere (in der Kommentarliste des science.blog) in dem losgetretenen Shitstorm sehr gut zusammengefasst haben, beruht das Kernargument von Hr. Wodarg NICHT darauf, dass das Corona-Virus grundsätzlich ungefährlich wäre. Das zu behaupten, ist schon unerhört und überdies falsch, wie ich bereits ausgeführt habe.

Sein Hauptargument ist, dass während der Grippesaison (mit Ausnahme von SARS-CoV-2002) bislang nie auf Coronaviren getestet wurde und nunmehr möglicherweise Coronoaviren, die schon vorher im Virenmix waren, bei Todesfällen entdeckt werden (das schließt natürlich eine besondere Gefährlichkeit von Covid-19 nicht aus). Entscheidend ist also die DIFFERENZ der Grippefälle über den Zeitlauf. Wenn jetzt Coronaviren „on-top“ kommen und daher die Influenza nicht zurückgeht, wie die meisten ja erwarten (daher ja auch die Strategie der Abflachung der epidemiologischen Kurve), hätte Wogard eher nicht recht. Wenn jetzt jedoch die Zahl der von Influenuza-Viren sich nicht aussergewöhnlich entwickelt oder gar das Ausmaß der saisonalen Grippe zurückgeht und die „Corona-Fälle“ steigen, könnte dies ein Hinweis sein, dass Hr. Wodarg richtig liegen könnte. A posteriori ist natürlich gesundheitspolitisch wenig hilfreich, daher ist Kritik an Wogards Auffassung verständlich.

Wie lässt sich das annähernd überprüfen? Ein Weg ist, sich den Influenza-Wochenbericht der Arbeitsgruppe Influenza des Robert-Koch-Instituts anzuschauen. Dort findet man, dass nur in 57% der im RKI eingesandten Problen der im Rahmen des Influenza-Sentinel-Programms duchgeführten Stichproben von allen gemeldeten ARE (s.u.) von (meldepflichtigen) schweren Atemserkrankungen irgendein Virus (Influenza-Varianten,Rhinvoiren etc.; nach Coronaviren wurde regelmäßig nicht gesucht) nachweibar (= Anteil positiv getester Proben) war, da bleibt also – salopp formuliert – Luft für Covid-19! Provokativ anders formuliert: Wenn die Gesamtzahl der Grippeinfektionen (also ARE: aktue Atemwegserkrankungen) nicht steigt und nur der Anteil von durch Covid-19 verursachten steigt und der Anteil der nicht nachweisbaren ARE-Viren entsprechend absinkt, hat Wogard unter Umständen recht! Mit diesem Argument setzt sich Hr. Rahmstorf und auch andere Kritiker überhaupt nicht auseinander, weil es gesundheitspolitisch irrelevant erscheint.

Mir erscheint dieses Argument zumindest plausibel, allerdings unter Einschränkungen, denn eine kleine Pionierstudie aus China, die im Umfeld des Outbreak geführt wurde und die im angesehen Medizinjournal, The Lancet, veröffentlicht wurde (und übrigens frei verfügbar ist), deutet an, dass bei den ersten Verdachtsfällen auch auf andere Viren als mögliche Ursachen getestet wurde, um die Existenz des neuartigen Covid-19-Virus zu entdecken. Das scheint darauf hinzudeuten, dass Covid-19 in der Tat für diese grippeähnlichen Fälle in China zutrifft. Die Schwere des Verlaufs untersucht eine andere Studie aus dem Lancet vom 12.03.2020, die ich hier nicht wiedergeben kann. Gilt das auch für Europa? Wurden differentialdiagnostische Tests durchgeführt? Oder ist plötzlich alles Covid-19 und wird daher nicht mehr cross-geprüft? Eine Antwort darauf habe ich nicht. Der obige Hinweis auf die ARE-Statistik, wo in der 11. KW 2020 der Anteil der Covid-19-Fälle in den Sentinel-Proben des RKI auf 0,5% stieg (erstmalig, vorher wurde nicht getestet), legt eine Bejahung der Frage nach der Anwendung der Differentialdiagnostik nahe, allerdings nach Einführung des Covid-19-Tests. Aber gilt das auch für die Schnelltests von jetzt sehr kranken Personen mit Covid-19-Identifikation? Sind diese sicher?

Das verweist auf Wodargs weiteren Einwand , der lautet: die Tests in Europa (und anderswo) entdecken vielleicht einen Coronavirus-Stamm, der nicht Covid-19 ist, sondern ein anderer ist – “Coronaviren gab es schon immer”, und es wird kurzerhand geschlossen: muss Covid-19 sein. Genau dieses Identifikationsproblem ist bei der Schweinegrippe (2009) aufgetreten (s.o.). Die Schlüsselfrage zur Beurteilung der Lage in jedem Land ist daher: (i) mit welchen Tests wird Covid-19 getestet (und bestätigt), (ii) sind diese sicher, d.h. können sie Covid-19 eindeutig identifzieren und (iii) wer wird getestet (das heißt, wer ist “betroffen” im Sinne von untersucht worden? Ich kann hier keine Antwort geben, aber die höchst unterschiedliche Letalität in Italien und Deutschland könnte auch mit divergenten Ausprägungen von (i), (ii) und (iii) erklärt werden. Einfache Antworten hierauf gibt es nicht.

Schließlich Sterblichkeit: die anfängliche Sterblichkeit bei der vorne erwähnten chinesischen Pionierstudie lag übrigens bei 15%; dies waren aber NUR Patienten, die in ein Krankenhaus eingeliefert wurden. Auf die Bedeutung, wo gemessen wird, weißt auch Dr. Wodarg hin, darauf, dass natürlich im Krankenhaus dann eine hohe Sterblichkeit auftreten wird (er spricht selbst von ca. 10 % der Krankenhauseinweisungen, die bei einer Grippepidemie sterben würden; er bezieht sich da auf eine Influenzaepidemie während seiner Zeit im ÖGD). Liegt nicht soweit weg von den ersten Fällen in China, oder? Wie genau die Letalität liegt, lässt sich jetzt NICHT sagen, wer in den Situationsreporten der WHO nachliest, sieht sehr viele (ad-hoc) Sterblichkeitsziffern weit unter 2 Prozent. Liest man im Dashboard der Johns Hopkins University nach und vergleicht – weltweit – den Anteil der gestorbenen Covid-19-Patient*innen an den gesamten beendeten Fällen (gestorbene und geheilte), dann kommt man auf eine Sterblichkeit von ca. 11,5 Prozent. Hierbei ist wichtig zu reflektieren, dass als Divisor (Nenner) nicht alle Infizierten berücksichtigt werden konnten, weil man diese schlicht nicht kennt (Dunkelziffer). Hilfreicher ist da schon der Blick auf China, wo fast alle Infektionsfälle beendet sind. Dort kommt man auf eine Sterblichkeit von: 4,3 Prozent.

Natürlich ist daher das im Rahmstorf’schen science.blogs gemachte Argument (in deren Kommentarliste) richtig, dass man die beendeten Fälle berücksichtigen muss. Allerdings besteht hier das Problem, dass man in jedem Fall “die Dunkelziffer” der asymptomatischen Fälle gar nicht kennt. Lassen sich in Deutschland im Moment nur die eher Gesunden testen? Was heißt das für die wirklichen Risikopatienten? Liegt deren Gefahr höher als bei Influenza? Die ehrliche Antwort wäre: wir wissen es (noch) nicht. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Schätzungen des US-amerikanischen CDC (Center for Disease Control and Prevention, Atlanta), die in der NYTimes veröffentlicht wurden, gehen von einer wahrscheinlichen Letalität von ca. 0,25 bis 1 Prozent aus. Das ist schlimm genug und wird die Krankenhäuser (in den USA über-)belasten, aber weit weniger als 4, 5 oder 10 Prozen wie im science.blgo verlautbart. Eine schwere Influenzaepidemie würde Änliches tun – erinnert sich jemand noch an die in den Medien präsenten, ständigen überfüllten NHS-Krankenhäuser während der Influenzasaison in den 1990er Jahren?

Die relativ hohe Sterblichkeit in der Lombardei und Wuhan deutet als weitere Hypothese – z.T. gegen Wodarg – unter Umständen darauf hin, dass dort vor allem schwer krankte Patienten “entdeckt” wurden, die dann auch sterben; das würde für einen starken Durchlauf von Covid-19 durch die Bevölkerung sprechen. Wodarg meint diesbezüglich, in Italien würden man nun viele alte Menschen, die sterben mit Covid-19 entdecken, ohne dass man wüsste, dass das Virus dafür zuständig wäre. Das ist zunächst nur eine unbelegte Behauptung, erklärt aber nicht die Dramatik in Italien, wobei Wodarg darauf hinweist, dass die epidemiologische Situation in Italien im Moment nicht besonders wäre. Da könnte er sich aber hinsichtlich der Lombardei irren, denn es gibt erste Hinweise, dass in Italien die Sterblichkeit tatsächlich im historischen Vergleich (was Wodarg ja als Methode fordert) stark ansteigt. Lt. dem Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch vom ZDF ist die absolute Anzahl der Gestorbenen im stark betroffenen Bergamo um 20 Prozent höher als im Monat vorher. Wodarg scheint sich also tatsächlich hinsichtlich der Gefährlichkeit von Covid-19 zu irren. Zumindest ist dieser überstarke Anstieg erklärungsbedürftig (Wodarg hat ja selbst den Begriff „Übersterblichkeit“ benutzt).

Aber um auf Deutschland zurückzukommen: sollte ein etwaiger Anstieg nicht wenigstens im Kreis Heinsberg längst erreicht sein? Müsste hier nicht die Letalität hochlaufen; Fasching ist schon lange her. Ein Blick in das RKI-Dashboard zeigt: 809 Fälle und 5 Todesfälle in Heinsberg (Stand. 20.03.20). Die Altersstruktur ist deutlich jünger als in Italien (sofern man hinsichtlich der Repräsentativität einer Studie von Anfang März Glauben schenken darf). Auch ist das Gros erst ab ca. 09. März in Heinsberg erkrankt: es kann also noch zu einem Time-Lag kommen. Hier besteht also Klärungsbedarf, gerade auch wg. der Einschränkungen von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechen, das, was Hr. Wodarg ja besonders “erschreckt” hat. Dass Menschen an Grippe sterben, wird ja auch von Hr. Wodarg nicht geleugnet, sondern die Frage ist seiner Meinung nach, sind es wirklich neue Fälle mit Covid-19! Das kann vielleicht nur das klinische Bild zeigen. Dazu sagt Wodarg leider nichts. Die Entwicklung in Italien legt die Neuartigkeit des Viruses selbst mit Methoden Wodargs nahe.

Ältere Menschen zu schützen, ist in jedem Fall sinnvoll. Aber man sollte bei aller Dramatik nicht vergessen, dass Italien insgesamt nur 5.200 Intensivbetten hat (es werden jetzt Notzentren errichtet), Deutschland hat ca. 28.000. Deutschland ist relativ gut mit seinem Gesundheitssystem aufgestellt (das glaubt Hr. Unzicker nicht), auch wenn die Arbeitsbedingungen und der Pflegenotstand Probleme machen können; dies hat aber nichts mit der Gefährlichkeit von Covid-19 zu tun (wenn das auch den schwer Kranken herzlich egal sein kann). Die Fallzahlen und die Altersstruktur in Italien scheinen die in Deutschland gewählte Strategie zu stützen, um die Älteren zu schützen, das Virus nicht durchlaufen zu lassen. Wie ist das Fazit zu Wodargs Thesen zu ziehen: ist das Covid-19 wirklich neu? Oder ist man nun nur in der Lage gewesen, etwas Neues zu entdecken, was schon längst da gewesen ist? Das würde heißen: es war kein wirklicher Outbreak in China. Die vorhandene Evidenz scheint allerdings unplausibel zu sein. Und zweitens: ist Covid-19 drin, wenn nach Covid-19 gesucht wird (Schweinegrippe-Problem)? Das kann ich nicht entscheiden. Hier enden meine testtheoretischen Kenntnisse zur Zeit. Und ist Covid-19 die Ursache der grippalen Symptome oder ist es nur eine „neue“ Entdeckung (ARE des RKI). Immerhin bleiben 40 Prozent der Sentinel-Proben des RKI im Influenza-Screening ohne Befund… was heißt das? Und vor allem: sind so radikale Einschränkungen nötig bis dahin, den Katastrophenfall auszurufen? Ich habe keine schnellen Antworten. Der Fall Italien scheint das alles zu rechtfertigen.

Alles in allem, ohne die komplexe Sachlage hier klären zu können, bleibt die platte Denunziation von abweichenden Meinungen als Fake News, ohne auch nur im Ansatz auf deren Argumente oder hinterfragte radikale Auswirkungen einzugehen, gehört sich nicht für renommierte Wissenschaftler. Schämen Sie sich, Herr Rahmstorf!

Aktualisierung: 21.03.2020, 14.45h

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