März 17, 2020

COVID-19 und der Beginn einer umfassenden Krise

Die Welt steht auf dem Kopf. Seit dem letzten Eintrag hat sich die politische, ökonomische und epidemiologische Lage auf dem Globus drastisch verändert. Es laufen mehrere Krisendiskurse und -dispositive durcheinander und es stellt sich die Frage, wie sie zusammenhängen. Glaubt man dem Chefredakteur von Lunapark 21, Winfried Wolf, so befindet sich die Weltwirtschaft seit 2016 in einem industriellen Abschwung, den er anhand der Entwicklung der Automobilindustrie plausibel zu machen versucht. Das Corona-Virus ist also für den Abschwung nicht verantwortlich. Zu einer ähnlichen Auffassung kommt der selbst ernannte Vermögensberater Dr. Markus Krall, allerdings mit der marktradikalen Wendung, dass der Staat schuld sei und auf zu wenig „Markt“ vertraut wurde – da würde Winfried Wolf zurecht widersprechen. Die Einschränkungen des Welthandels, der Produktionsprozesse, der internationalen Flug- und Seebewegungen und dergleichen durch die Abschottung von Grenzen wg. der Corona-Krise werden nicht ohne rezessive Wirkung bleiben. Die (wirtschafts-)politischen Maßnahmen des Gegensteuerns gegen wegbrechende Märkte und ausfallende Einkommensquellen sind entsprechend großangelegt. Es ist aber durchaus fragwürdig, ob sie ausreichen werden, um eine Abwärtsdynamik zu verhindern, die – so Wolf überzeugend – bereits vorher begonnen hatte.

Was hat das mit Gesundheitspolitik zu tun? Vieles. Denn die Einschränkungen und Verbote öffentlicher und privater Bewegungsräume in Deutschland sind auf der Grundlage des Infektionenschutzgesetzes erfolgt. Zumal müssen die Krankenhäuser und Arztpraxen den Ansturm der Patient*innen bzw. die Verlegungen in stationäre Einrichtungen verkraften. Der epidemiologische bzw. virologische Status von Covid-19 (oder auch SARS-CoV-2) ist relativ breit anerkannt. Es wird als besonders gefährlich beschrieben, betrifft vor allem Ältere und chronisch erkrankte Menschen (aber nicht alle Chroniker), hat aber auch zu Todesfällen bei (jüngeren) Menschen, unter denen auch Krankenschwestern und Ärzte waren, geführt. Letztere Fälle lassen sich natürlich gut als Medienereignis vermarkten, sind epidemiologisch allerdings als „Ausreißer“ eher nachrangig zu betrachten. Denn das Gros in China und vielen anderen Ländern bewegte sich im höheren Alter und über die jüngeren Opfer weiß man nicht viel. Das galt allen Unkenrufen zum Trotz auch für Italien, wie eine (kleine) epidemiologische Studie des Instituto Superiore di Sanitá Anfang März 2020 (zugegriffen: 17.03.2020) herausgefunden hat. Ob die Entwicklung seitdem dramatischer ist, bleibt zu klären.

Kritiker meinen, die Furcht vor Covid-19 sei übertrieben und folglich auch die politischen Maßnahmen zur Eindämmung, was wiederum von Gesundheitspolitikern, Wissenschaftlern und vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen scharf zurückgewiesen wird. Die zentralen Gegenargumente gegen die Kritiker (die vor allem Epidemiolog*innen sind) sind (i) die Sterblichkeit ist – wegen der Neuartigkeit des Viruses – tatsächlich deutlich höher als bei der Influenza und (ii) das Virus könne jederzeit zu einem Supervirus mutieren und dann viel tödlicher werden. Gesundheitspolitisch Verantwortliche weisen (iii) noch darauf hin, dass die hohe Anzahl von zu beatmenden Patientinnen und Patienen die Kapazitäten des Krankenhaussektors sprengen könnten, wie besonders in Italien, und man müsse die epidemiologische Kurve strecken, damit die ca. 70 Prozent, die an Infizierten zu erwarten sind, nicht das Gesundheitssystem paralysierten. Der Präsident der Bundesärztekammer, sprach schon früh davon, „Zeit zu gewinnen“ und warnte vor „Panik“ – unbekannt ist, ob er mittlerweile seine Meinung geändert hat.

In den folgenden Beiträgen werde ich mich mit diesen drei Kernargumenten versuchen auseinanderzusetzen: Sterblichkeit, Mutation und Notwendigkeit übermäßiger Beatmungsplätze.

Thema: Sterblichkeit – TEIL I

Thema: China und Deutschland – TEIL II

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