Februar 1, 2021

COVID-19: Irrungen und Wirrungen einer digitalen Pandemie – Teil I

Man kann von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten, was man will. Sie ist eine zentrale internationale Behörde, die maßgebliche Regulationen für die Anwendung von Medizin- und Gesundheitstechnologien erlässt und die ihre Mitgliedsstaaten als internationales Recht anerkannt haben. Sie soll darüber hinaus globale Gesundheitsgefahren in Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsstaaten überwachen und kann einen Gesundheitsnotstand ausrufen, dessen Feststellung von rechtlicher Bedeutung für die Nationalstaaten ist. Sie ist trotz dieser wichtigen Funktionen eine chronisch unterfinanzierte Sonderorganisation im System der Vereinten Nationen, weshalb sie seit etwa einer Generation gern und notgedrungen zweckgebundene Mittel privater Geldgeber annimmt, oft von pharmaaffinen Wohltätigkeitsorganisationen oder der Pharmaindustrie gleich direkt. In gewisser Weise ist der Zustand der WHO eine Verkörperung der altbekannten Erkenntnis, dass öffentliche Armut und privater Reichtum Hand in Hand gehen.

Die Funktion und Rolle der WHO kann daher in vielerlei Hinsicht kontrovers diskutiert werden. Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Ausgangspunkt dieses Kommentars ist vielmehr eine geradezu prophetische (manche würden sagen: strategische) und leider viel zu wenig beobachtete Aussage des Generaldirektors der WHO, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, vom Anfang der Pandemie. Just zur Verkündung eines globalen Gesundheitsnotstandes am 11.03.2020 machte dieser die folgende beachtenswerte Bemerkung: „We have never before seen a pandemic sparked by a coronavirus. This is the first pandemic caused by a coronavirus. And we have never before seen a pandemic that can be controlled, at the same time.“[i] [Endnoten sind am Ende des Textes]

Diese Aussage ist deshalb so bedeutsam, weil sie auf einen banal erscheinenden Fakt aufmerksam macht, der in unserer Real-Time-Social-Media-Welt den meisten gar nicht mehr auffällt, obwohl er doch in Zeiten von Big Data so offensichtlich ist. Nie zuvor wurde eine Pandemie derart zeit(ger)echt und tatsächlich global aufgezeichnet, wiedergegeben und ausgestrahlt. Und nie zuvor wurde behauptet, dass diese „kontrolliert“ werden könne. Was für ein Anspruch auf instrumentelle Verfügbarkeit[ii] über die Welt! Digitale Kontrolle ist das Zauberwort der Krise. Denken Sie nur an die Tracing-Apps!

Die digitale Form der Pandemie hat erhebliche Auswirkungen auf die epidemiologische und klinische Bewertung der Pandemie, die individuelle wie kollektive Risikowahrnehmung und den (oftmals) atemlosen Entwurf von gesundheitspolitischen Gegenmaßnahmen, von deren Revisionen und Novellierung mal ganz abgesehen. Die COVID-19- Pandemie ist die erste digital aufgezeichnete und in Echtzeit beobachtbare globale Seuche der Menschheitsgeschichte. Und sie wird wohl kaum die letzte sein, wenn man die sybillinischen Andeutungen des WHO-Generalsekretärs über kommende weitere Pandemien in dieser Sicht interpretiert. Denn Sars-CoV-2 gingen Mers und Sars-Cov-1 voran.

Echtzeitaufnahmen von Inzidenz, Prävalenz und Letatlität?

Die epidemiologische und seuchenpolitische Bedeutung dieser ersten digitalen Pandemie kann gar nicht überschätzt werden. Was sonst zumeist nur retrospektiv möglich war, wurde jetzt gewissermaßen über Nacht zum „Geschäftsmodell“ vieler Anbieter von Falltrackern und Datenpooling-Entrepreneurs. Wer kennt nicht das Dashboard des Robert-Koch-Instituts (RK)I, das auf dem des Marktführers des Johns Hopkins Coronavirus Resource Center (CRC) an der Johns Hopkins University (Baltimore, Pennsylvania) beruht. Mit täglichem Erstauen und Erschauern haben wir uns das Dashboard angeschaut und sind gelegentlich horrormäßig fasziniert von den sich in Echtzeit entwickelnden Fallzahlen aus aller Welt.

Kaum überraschend, dass diese recht bald allmorgendlich in den TV-, Radio- und Social- Media-Nachrichten verkündet wurden. Wir fühlen uns erinnert an die – es ist erst etwa 20 Jahre her – sprunghaft einsetzenden und ebenso börsentäglich verbreitendenden Informationen über den Börsenstand wichtiger Anlegerpapier während der rot-grünen Regierungskoalition, als diese den deutschen Kapitalmarkt entfesselt hatte. Doch ebenso wie die damaligen Informationsticker und Zahlen (Fakten, Fakten, Fakten) über das Ansteigen und Abfallen von Börsenwerten und ganzen Börsenindizes sagen die einzelnen Daten der epidemiologischen Dashboards nicht viel aus und simulieren Aktualität und Präzision nur oberflächlich. Die virale „Weltreichweitenvergrößerung“[iii] der globalen Moderne schlägt auf unser Immunsystem zurück.

Trotz Simulation signalisiert diese erste digitale Pandemie einen Einschnitt, ähnlich wie die damaligen Verlautbarungen von Börsenbewegungen. Die Staatengemeinschaft, die gesamte Welt befindet sich in einem großen Krisen- und Transformationsprozess. Doch keiner weiß wohin. Hinsichtlich der Börsenwerte war nach der Eu(ro)phorie des Neuen Marktes und anderer Finanzblasen mit dem Weltbanken- und –finanzcrash 2008ff bald Schluss mit lustig. Börsendaten sind nun wieder vor allem für (dezentrierte) Expert*innen gedacht, der Börsenbericht ist aus dem Alltagsbewusstsein, aber nicht aus dem Medienalltag verschwunden. Wir sind im Finanzmarktkapitalismus angekommen.

Ähnlich verhält es sich mit der digitalen Nachzeichnung der epidemiologischen Verläufe und Dynamiken von Covid-19. Sie bleiben letztlich für Uneingeweihte unverständlich. Weder Neuerkrankungen (Inzidenz), die wirkliche Zahl von Infizierten in der Bevölkerung (Prävalenz) noch die Gefährlichkeit (Letalität) lassen sich damit exakt erfassen. Das, was diese Zahlen in den globalen Dashboards undeutlich werden lässt, ist die berühmt-berüchtigte und doch so oft unverstandene Dunkelziffer, die keiner kennen kann. Als asymptomatischer ‚Schläfer’ bedroht sie jedoch die in Aufregung versetzten Gesellschaften. Ob zurecht oder nicht lässt sich nicht sagen, denn sie ist ambivalent. Eine hohe Dunkelziffer reduziert zwar theoretisch die Gefährlichkeit des Virus (Letalität; Infection Fatility Rate, IFR), zeigt aber auch, dass die Durchseuchung sich kaum verhindern lässt.

Ein Blick auf die politisch gesetzten Schwellenwerte von 50 Neuerkrankungen von 100.000 Einwohnern einer Gemeinde, Stadt, Region oder eines Bundeslandes unter diesen Aspekten macht die Künstlichkeit dieser Normierungen offensichtlich. Doch halt! Diese Grenzwerte sollen ja für die Wahrung der Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens, für die Vermeidung von „italienischen Verhältnissen“ in Deutschland gelten. Wirklich? Die Einhaltung der Werte hat viele Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen nicht wirklich vor dem Covid-19-Tod geschützt. Wenn es Todesfälle bei relativ niedrigen Neuerkrankungswerten gab, dann v.a. in Pflegeheimen oder einzelnen Clustern in (v.a.) sozial benachteiligten Stadtbezirken oder Kommunen in unterschiedlichen Regionen der Republik. Die Strategie scheint da nicht sehr leidlich zu funktionieren. Hat ihr Versagen vielleicht etwas mit dem neoliberalen Kaputtsparen des Pflege- und Gesundheitssektors zu tun? Schweigen allenthalben.

Roter Alarm: Covid-19 und die Folgen für die Risikokommunikation

Doch die digitale Echtzeitbetrachtung der Covid-19-Pandemie bewirkt noch etwas anderes. Nämlich, dass die „alten“, gewissermaßen „analogen“ und alljährlich verlaufenden Pandemien (z.B. die Influenza-Epi- und Pandemien) im ernsten Sinne des Wortes „verblassen“. In Deutschland sind nachweislich bereits über 55.000 Menschen an Covid-19 verstorben, in manchen europäischen Nachbarländern schon weit mehr. Doch Vorsicht! In der Epidemiologie gilt eine Regel: absolute Zahlen sagen absolut gar nicht aus (außer sie wollen Kapazitäten berechnen und planen). Man muss die absoluten Zahlen schon in sinnvolle Relationen setzen, um irgendeine Aussage zu erhalten. Und hier hapert es erheblich im Alltagsbewusstsein und auch bei manchen selbst erklärten Expert*innen.

55.000 Tote sind zu viele Tote und sie wären auch vermutlich ohne Lockdown noch höher. Wie hoch wissen allein die Götter der Menschheit. Allerdings hinkt der beliebte Vergleich mit Grippetoten nicht nur, weil deren Letalität geringer eingeschätzt wird, sondern auch weil die Gegenüberstellung von 55.000 Covid-19-Toten zu 25.000 Grippe-Toten (während der Grippesaison 2017/2018) einem Vergleich von Äpfeln mit Birnen gleichkommt. Die sog. Influenza-Toten beziehen sich immer auf eine Grippesaison mit Schwerpunkt in den Wintermonaten, die Covid-19-Todesfälle mittlerweile kumuliert auf ein Jahr. Zudem: die Fallzahlen von Influenza-Erkrankungen werden – bis heute – anders erfasst, per Stichprobe. Übrigens in einer Statistik, in der auch die Covid-19-Infektionen seit März 2020 auftauchen, weil seitdem auf sie „getestet“ wird.[iv]

Zur Bewertung der Gefährlichkeit von Covid-19 wird gern Bezug genommen auf diese Influenza-Sterblichkeit früherer Tage. Aber auch hier gibt es ein Problem: diese Sterblichkeit wurde niemals echtzeitgemäß erfasst. Die oben bereits genannte Zahl von ca. 25.000 Influenza-Toten der Grippesaison 2017/18 beruht auf einem statistischen Modell des RKI. Kein Gesundheitsamt hat diese Toten in „Echtzeit“ gezählt. Das ist bei Covid-19-Toten heute anders. Todesfälle, die an oder – wie es in den Frühnachrichten des Deutschlandfunkes korrekt heißt – im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion gestorben sind, werden an die Gesundheitsämter bzw. die Sterbedatenbank des RKI gemeldet. Von solchen Zuständen konnte und kann die jährliche Influenza-Epidemie nur „träumen“. Vielleicht waren es hier mehr, vielleicht weniger. Wer kann das schon sagen? Wer ehrlich zu sich  ist: niemand.

Doch das ist nicht das einzige Problem mit der Risikokommunikation. 55.000 Menschen sind individuell eine unvorstellbare Menge an Todesfällen. Ein ganzes Fußball-Stadion mit Covid-19-Verstorbenen. Die zu Hochzeiten mehr als 1.000 Toten pro Tag (mit oder an Covid-19), die um die Jahreswende 2020/21 die Statistiken des RKI erschütterten, sind grauenhaft. Doch – Sie erinnern sich? – wie ist das mit den absoluten Zahlen? Wie hoch ist die Sterblichkeit sonst? Sie schwankt, und zwar nicht nur jährlich, sondern vor allem auch monatlich, was mit den Jahreszeiten zu tun hat. Ein Blick in die Sterblichkeitsstatistiken des Statistischen Bundesamtes zeigt: die Sterblichkeit ist in den Wintermonaten deutlich höher als im übrigen Jahr. Die in den letzten Jahren seit 2012 zu beobachtende durchschnittliche Sterblichkeit in den Monaten Dezember bis März liegt zwischen 80.000 und 90.000 Toten pro Monat (Sie lesen richtig!), zumeist mit einem Peak in einem dieser Monate. Das macht über den Daumen etwas unter 3.000 Tote pro Tag. Also starben in der Hochphase an Covid-19 etwas mehr als 1/3 der sonst üblichen Verstorbenenzahl, bliebe das Niveau der Sterblichkeit erhalten. Das macht die Tatsache nicht besser, rückt sie vielleicht aber in ein anderes Bild.

Ach, ja, die Übersterblichkeit. Sie  ist dann oft der schlagende Beweis dafür, dass Covid-19 richtig gefährlich ist. Eine ähnliche Übersterblichkeitsdynamik gab es auch 2017/18 unter der Influenza (im Januar/Februar 2018). Doch bzgl. der Übersterblichkeits-These gibt es ein Problem. Das Problem ist weniger, dass in manchen Monaten keine Übersterblichkeit festgestellt werden kann. Dies ist möglich und wurde auch getan: im April, Juni und Dezember gab es Übersterblichkeitssituationen in Deutschland (wobei im Juni nicht wegen Covid-19, so das Statistische Bundesamt). Auch kann kaum in Frage gestellt werden, dass die Übersterblichkeit etwas mit Covid-19 zu tun hat (v.a. im Dezember 2020). Die zeitliche Koinzidenz ist ja kaum zu leugnen. Die offiziellen Daten zur Übersterblichkeit sind aber Modellrechnungen und Trendextrapolationen und folglich mit Unsicherheiten behaftet.[v] Zudem ist damit die Frage der Verursachung der Übersterblichkeit überhaupt nicht geklärt. Wer das glaubt, hat den Unterschied zwischen Assoziation und Kausalität nicht verstanden.

Es ist denkbar, dass indirekte Effekte der Covid-19-Pandemie zu einem Ansteigen auch von anderen Todesfällen führen, möglicherweise zeitverzögert. Der beobachtbare Rückgang von bekannt gewordenen Herzinfarkten und Krebsbehandlungen spricht hier Bände und zeigt, dass ein Blick nur auf einen Monat zur Situationseinschätzung nicht ausreicht. Die kardinalen Probleme von aktuellen Todesstatistiken liegen darin, dass – außer bei Covid-19 – die anderen Todesursachen nicht so genau „beschaut“ werden und zudem bei multimorbiden Verstorbenen die Ursachenfeststellung keineswegs trivial ist. Im Dezember 2020 gab es viele Todesfälle mit Corona-Beteiligung (=17.391; die modellhafte Übersterblichkeit war: 20.306).[vi] Knapp 3.000 Fälle (14,4%) der modellhaften Übersterblichkeit gehen somit selbst bei dieser einfachen Gegenüberstellung nicht auf Corona zurück; die Entwicklung und Verteilung der anderen Todesarten bleibt in der Aufstellung des Statistischen Bundesamtes ungenannt.[vii]

Nur eine integrative Analyse der Entwicklung aller Todesarten kann darüber aufklären, ob Covid-19 wirklich kausal für den Anstieg der Übersterblichkeit (im Dezember) verantwortlich ist. Es geht hier nicht um Leugnung der Übersterblichkeit[viii], sondern um die Klarstellung von Kausalitäten: die Covid-19-Pandemie ist in jedem Fall bei der (modellierten) Übersterblichkeit mitverantwortlich gewesen – wenn nicht direkt nicht wegen des tödlichen Virus, dann wegen ihrer indirekten Effekte auf das Gesundheitswesen. Dessen die Situation verschärfenden Probleme aber sind hausgemacht: wenig Personal, wenig Schutzkleidung, ungenügende Hygienestandards, der jahrelange Neoliberalismus im Gesundheitswesen lässt grüßen. Corona-Tote erklären also die Übersterblichkeit im Dezember 2020 selbst statistisch nicht komplett. Diese ist daher – wenn nicht ein statistisches Artefakt – bestenfalls ein Indiz, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Starren auf die Schlange: Zero-Covid durch Impfungen?

Es wurde bereits oben angesprochen, dass die Relationen von 50/100.000 oder 75/100.000 oder 350/100.000 recht willkürliche Schwellenwerte sind, die aber seuchenpolitisch erhebliche Auswirkungen haben. Hierzu ein Beispiel: stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Kleinstadt von 50.000 Einwohnern. In dieser Kleinstadt gibt es 4 Pflegheime mit je 75 Pflegeplätzen, die voll besetzt sind, und ein Krankenhaus der Basisversorgung (200 Betten). Es gibt also 300 Pflegebedürftige, die stationär gepflegt werden müssen. Stellen Sie sich weiter vor, dass aufgrund eines Covid-19-Ausbruches von diesen 300 zu pflegenden Menschen 125 Personen und weitere 20 Pflegekräfte einen positiven PCR-Test erhalten. Dies entspricht – schließt man falsch-positive PCR-Tests aus – einer Infektionsrate in den Pflegheimen von knapp 42 Prozent. Stellen Sie sich weiter vor, dass im Krankenhaus zudem zwei Covid-19-Ausbrüche auf zwei Behandlungsstationen auftreten, von denen 20 Pflegekräfte und 40 Patient*innen betroffen sind. Die 210 Covid-19 Fälle in dieser Kleinstadt (Altersheime und Krankenhaus) bewirken, dass die Kleinstadt eine kumulative Inzidenz von 420/100.000 hat.

Nun wird – dem RKI sei’s gedankt – diese Inzidenz als 7-Tage-Inzidenz berechnet, wodurch sich der Schwellenwert erheblich reduziert. Nehmen wir also weiter an, dass sich innerhalb von 7 Tagen pro Tag 30 Menschen in diesen Pflegeheimen und dem Krankenhaus mit Covid-19 infiziert haben (PCR-Test: positiv). Die 7-Tage-Inzidenz ist dann: 60/100.000. Warum? Es sind doch nur 30 pro Tag, mögen Sie fragen. Ja, aber die Stadt hat ja auch nur 50.000 Einwohner. Also müssen beide Seiten der Relation mit 2 multipliziert werden! Die resultierende 7-Tage-Inzidenz von 60/100.000 führt zu Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Geschäftsschließungen und anderen Auflagen für die Menschen in der Stadt, obwohl dort außerhalb der Pflegeheime und des Krankenhauses die 7-Tage-Inzidenz bei 0/100.000 liegt. Keine Frage, die Pflegeheime und das Krankenhaus sollten zum Teil unter Quarantäne gestellt werden. Aber was bewirkt das? Es fehlt im Effekt an Personal, die Infektionsausbreitung verschlimmert sich in den Einrichtungen womöglich und in jedem Fall führt dies zu Versorgungsengpässen in allen fünf Einrichtungen. Soziale Isolation, nicht mehr aufrechtzuerhaltende Betreuung und vernachlässigte Bedürftige sind die (mögliche) Folge.

Sie meinen, das wäre ein irreales Beispiel? Es ist fiktiv, ja. Aber sie irren sich, wenn Sie glauben, dass dies ein unrealistisches Ausbruchsgeschehen ist. Das Beispiel sollte zeigen, dass es vor allem Pflegeheime und Krankenhäuser (und andere Einrichtungen) [ix] sind, in denen Covid-19-Ausbrüche vorkommen und oft tödlich enden. Sie gilt es zu schützen; dafür brauchen wir Solidarität mit den Betroffenen, aber auch mit dem Pflegepersonal und Mediziner*innen. Wie kluge Gesundheitswissenschaftler argumentieren und das Dunkelziffer-Problem nahelegt, lässt sich die stille Ausbreitung von Covid-19 in der allgemeinen Bevölkerung und die quasi zufälligen Ausbruchsgeschehen in Gesundheitseinrichtungen und lokalen Clustern mit den derzeitigen Methoden nicht aufhalten[x] – es sei denn, sie würden den Lockdown bis zum Sankt-Nimmerleinstag aufrechterhalten wollen – wie manche irregeleitete Politiker*innen ernsthaft erwägen. Daher stoßen sich auch die alternativen Visionen einer Zero-Covid-Strategie – solidarisch oder nicht – an diesem epidemiologischen Strukturdynamiken. Alle (gut gemeinten) Visionen einer sog. Covid-Zero-Strategie sind folglich zum Scheitern verurteilt.[xi]

Rettet uns die Impfung? Möglich. Aber rettet sie auch die Schwachen, Alten und Kranken? Das ist gar nicht so sicher. Warum nicht? Schlicht und einfach, weil in den meisten Zulassungsstudien kaum Schwache, Alte oder Schwerkranke in der Studienpopulation vorkommen. Das heißt, sie können aus den Studien nicht mit Gewissheit ableiten, ob diese Gruppen durch die Impfung geschützt sind. Kann sein, kann nicht sein. Die modellhafte Schutzwirkung ist in Bezug auf diese Gruppen schwach; mehr noch: sie ist statistisch bedeutungslos.[xii] Es geht noch schlimmer in der Beurteilung: wie der Mitherausgeber des renommierten British Medical Journal (BMJ), Peter Doshi, jüngst verlautbarte, sind die Ergebnisse enttäuschend: „Keine der Impfstudien ist so angelegt, dass sie eine signifikante Verringerung der Krankenhauseinweisungen, der Aufnahmen in die Intensivstation oder der Todesfälle entdecken kann.“[xiii]

Wenn die Impfungen schützen, dann die jüngere, risikoärmere Normalbevölkerung. Aber auch das ist nicht auf Dauer gestellt. Da das Sars-CoV-2-Virus fröhlich mutiert, ist eine „impfinduzierte Herdenimmunität“[xiv], von der die WHO träumt, in weiter Ferne. Das hätte allerdings vorher bekannt sein können: bei regelmäßig mutierenden Viren (Coronaviren gelten als solche), so ein Standard-Handbuch der Public-Health-Forschung, ist eine Herdenimmunität (mit welchen Methoden auch immer) – und damit ein Verschwinden des Virus – nicht zu erreichen.[xv] Dies gilt nicht nur für den angeblichen schwedischen Weg, sondern auch für den der Impfungen. Was not tut, ist also nicht eine irreale Zero-Covid-19-Strategie[xvi], sondern ein realistischer Umgang mit dem Virus, so schwer er auch derzeit scheint. Denn das Virus wird bleiben, zumindest mit seinen mutierten Nachkommen. Die Influenza-Gruppe macht es vor. Wird Impfen also „endemisch“ bzw. „systemrelevant“? In jedem Fall wird die erste (Impf-)Runde nicht die letzte sein. Insofern würde der WHO-Generaldirektor mit seiner Einschätzung einer neuartigen Situation richtig liegen, wenn auch die Strategie der „impfinduzierten Herdenimmunität“ kaum helfen wird, die vulnerablen Gruppen zu schützen.  Ohne Zweifel, ein Bombengeschäft für die Pharma-Industrie. Hoffen wir, dass die Ergebnisse der Zulassungsstudien demnächst transparenter sind und insgesamt besser werden.


[i] https://www.who.int/director-general/speeches/detail/who-director-general-s-opening-remarks-at-the-media-briefing-on-covid-19—11-march-2020 (27.01.21).

[ii] In gewisser Weise und in Anlehnung an Hartmut Rosas Konzept der Unverfügbarkeit wird hier das Sars-CoV-2-Virus als „Aggressionspunkt“ der globalen Seuchenpolitik codiert; vgl. Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit, Berlin 2020 (Suhrkamp), insbes. S. 11ff.

[iii] Ebd., S. 16.

[iv] Vgl. die Wochenberichte der Arbeitsgruppe Inflluenza des Robert-Koch-Instituts (RKI): https://influenza.rki.de/Default.aspx (30.01.21). Die sog. Grippe wird übrigens nicht nur durch Influenza-Viren verursacht. In ca. 50 Prozent der Gewebeproben ist regelmäßig keine bekannter Erreger nachweisbar – trotz vorhandener Symptomatiken und ärztlichen Abstrichen beteiligter Sentinel-Praxen.

[v] https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html (24.01.21). Das Statistische Bundesamt nimmt als Vergleichszeitraum die Daten von 2016-2019. Bei längeren Zeitreihen ergäben sich andere Übersterblichkeitswerte.

[vi] Sie erinnern sich an die morgendliche Prosa des Deutschlandfunkes?

[vii] https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html (24.01.21),  eigene Berechnungen. Die Daten der 49. – 52. Woche wurden als Dezember definiert. Für die 53. Woche 2020 gibt es keine Vergleichsdaten des Zeitraums 2016-2019  in dieser Übersicht des Statistischen Bundesamtes.

[viii] Auch wenn manche Statistiker die Übersterblichkeitsthese des Statistischen Bundesamtes (und des RKI) mit guten Argumenten in grundsätzliche Zweifel ziehen, URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus225323039/Uebersterblichkeit-Dann-waere-klar-gewesen-was-wirklich-hier-geschieht.html (01.02.21)

[ix] Vgl. die Statistik der täglichen Situationsberichte zu Covid-19 des RKI , https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html (01.02.21)

[x] Vgl. die verschiedenen lesenswerten „Thesenpapiere“ einer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Matthias Schrappe, URL: http://www.matthias.schrappe.com/ (29.01.21)

[xi] Vgl. zu dem Online-Hype: https://zero-covid-org. und https://www.containcovid-pan.eu (29.01.21)

[xii] Vgl. verschiedene Artikel im Arzneitelegramm zu den zugelassenen Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna: https://www.arznei-telegramm.de (25.01.21)

[xiii] Zitiert nach: Pharma-Brief. Rundbrief der BUKO Pharma-Kampagne, Nr.10/Dez. 2020, S. 1.

[xiv] https://www.who.int/news-room/q-a-detail/herd-immunity-lockdowns-and-covid-19 und https://off-guardian.org/2020/12/28/who-secretly-changed-their-definition-of-herd-immunity/ (26.01.21).

[xv] Maren Dreier/Silke Kramer/Klaus Stark: Epidemiologische Methoden zur Gewinnung verlässlicher Daten. In: F.W. Schwartz et al. (Hrsg.): Public Health Buch. Gesundheit und Gesundheitswesen. 3. Auflage, München 2012, S. 408- 449, hier: S. 445f. Das heißt freilich nicht, dass das Virus bleiben muss. Sars-Cov-1 und Mers sind fast von allein verschwunden. Warum, weiß keiner.

[xvi] Über die höchst problematischen Implikationen einer unreflektierten Covid-19-Strategie informiert Alex Demirovic: Über die Null hinaus denken. Zur Kritik des Aufrufs #ZERO COVID, https://www.zeitschrift-luxemburg.de/ueber-die-null-hinaus-denken/ (28.01.21)


Kai Mosebach, Dipl. Pol., Dozent für Gesundheitspolitik, Gesundheitsökonomik und Epidemiologie an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, Ludwigshafen am Rhein. Abteilung für Sozial- und Gesundheitswesen.

Ludwigshafen am Rhein, Februar 2021.